
Im 19. Wiener Gemeindebezirk, wo sich grüne Hügel mit gemütlichen Wohnvierteln sanft in die gewundenen Reihen üppiger Weingärten und den Wienerwald verwandeln, befindet sich einer der bezauberndsten und romantischsten Orte der Stadt – das Café Salettl!Salettl!
Dieser Pavillon mit Garten liegt unweit der schattigen, jahrhundertealten Bäume des Hugo-Wolf-Parks in der Hartäckerstraße und scheint wie aus der Zeit gefallen zu sein. Eine wahre Oase – ein Tor direkt zum Helikon –, das zum philosophischen Nachdenken und kontemplativen Verweilen einlädt.
Hier spürt man den Atem der Kunst – und vielleicht begegnet man sogar einer Muse. Kein Wunder, dass das „Salettl“ als kreativer Mikrokosmos zur Inspirationsquelle für zahlreiche Talente unterschiedlichster Richtungen geworden ist.
Darüber hinaus ist das Lokal ein typisches Wiener Kaffeehaus und Teil des immateriellen Kulturerbes der UNESCO: „Wiener Kaffeehauskultur: Immaterielles Weltkulturerbe“.

Die Zeit folgt hier ihren eigenen Gesetzen – den Gesetzen der Verliebten und der Bohème, die bis in den Morgen mit ihrer Muse verweilt: Frühstück wird bis 16 Uhr serviert, und mit Champagner sogar bis 19 Uhr! Dies ist jener Ort, an dem der berühmte „schöne Augenblick“ stillzustehen vermag.
„Salettl“ – das ist die traditionelle Bezeichnung für kleine Gartenpavillons oder Lauben in Parks und Gärten Europas, insbesondere in Bayern und Österreich. Sie dienten als Orte der Erholung, Begegnung oder festlichen Zusammenkünfte.
Das Wort „Salettl“ stammt vom italienischen „saletta“, was „kleiner Saal“ bedeutet. In der Zeit des Barock und Klassizismus schmückten Aristokraten ihre Schlossgärten mit solchen Pavillons. Ab dem 17. Jahrhundert kamen die sogenannten Lustgärten in Mode – Gärten des Vergnügens, geschaffen zur Erholung und Unterhaltung. Man könnte sagen, diese Lustgärten waren das Nachhallen jenes poetischen Nachgeschmacks, der seit den sagenumwobenen Gärten der Königin Semiramis in der Seele verweilt.
Pavillons in solchen Gärten wurden auf Erhöhungen, an Teichen oder inmitten dichter Vegetation errichtet. Sie sollten einen guten Blick auf die umliegende Landschaft bieten und zugleich Schutz vor Sonne oder Regen gewähren. Salettln waren beliebte Treffpunkte verliebter Paare.

Solche Pavillons wurden aus Holz oder Stein errichtet und hatten eine offene oder verglaste Bauweise. Das Dach konnte kuppelförmig oder Satteldach-artig sein, manchmal mit dekorativen Elementen versehen. Der Innenraum wurde häufig mit Fresken, Schnitzereien oder Keramikfliesen geschmückt.
Auch heute ist das Salettl ein Element der Landschaftsgestaltung geblieben, und moderne Gartenliebhaber schaffen oft solche gemütlichen Rückzugsorte in privaten Gärten. Die Bezeichnung „Salettl“ wird auch in der Gastronomie verwendet – so gibt es in Österreich und Deutschland Cafés und Restaurants mit diesem Namen.

Der Wiener Pavillon Salettl!Salettl! wurde im Jahr 1932 von Friedrich Pindt entworfen, einem Schüler des Architekten Otto Wagner, einer der führenden Persönlichkeiten der Wiener Secession. Friedrich Pindt plante außerdem mehrere Gemeindebauten in Wien, etwa den Johanna-Dohnal-Hof in Penzing und den Käthe-Königstetter-Hof in Rudolfsheim-Fünfhaus, sowie Wohnanlagen in Niederösterreich. Den größten Bekanntheitsgrad brachte ihm jedoch das Salettl.
In einem Zeitraum des 20. Jahrhunderts gerieten solche kleinen Pavillons beinahe in Vergessenheit, und der Name Salettl war nur noch wenigen Historikern und Gartenliebhabern bekannt. Doch inspiriert durch die über Jahrzehnte anhaltende Beliebtheit des erhalten gebliebenen Salettl in der Hartäckerstraße, das später als die „Mutter aller Salettln“ bezeichnet wurde, begannen in den 1990er-Jahren viele moderne Veranden, Wintergärten, Berghütten, Kioske, Boutiquen sowie ähnliche kleine Pavillons, die als Kassenhäuschen, Probenräume oder Diskosäle dienten, überall in Österreich den Namen Salettl zu tragen.
Dies machte eine klare Unterscheidung zwischen dem ursprünglichen Salettl in Döbling und seinen zahlreichen Nachahmern notwendig. Im Jahr 2010 wurde daher für das historische „Das Salettl“ im 19. Bezirk der Name SALETTL!SALETTL! eingeführt – eine Verdopplung zur Betonung seiner Authentizität und Einzigartigkeit. Das Logo mit den Ausrufezeichen wurde in einer Schrift im Stil des Art déco gestaltet.
Das von Friedrich Pindt entworfene Salettl ist ein kleiner, hölzerner Pavillon in oktagonaler Form, der sich harmonisch in die umgebende Landschaft einfügt. Die rotbraune Fassade und die verglaste Veranda mit weißen Fensterrahmen schaffen eine gemütliche, romantische Atmosphäre. Ein zweiter Pavillon im Garten ergänzt das Ensemble, sorgt für visuelles Gleichgewicht und verstärkt das Gefühl von Abgeschiedenheit.
Der achteckigen Architektur wurde seit jeher sakrale Bedeutung zugeschrieben. Die Acht galt als eine Parabel der Zeit, in der Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen. Sie ist nicht nur eine Zahl, sondern eine Metapher für Harmonie, Unendlichkeit, Erneuerung und geistiges Wachstum. In der christlichen Symbolik steht sie für einen Neuanfang, in der chinesischen Kultur für Glück und Wohlstand. In der Geometrie ist die Acht mit dem Oktogon verbunden – einer Form, die in der Architektur von Tempeln, in Mosaiken und Mandalas vorkommt und den Ausgleich zwischen Irdischem und Himmlischem, Materiellem und Geistigem symbolisiert. Die oktogonale Struktur lädt zur Kontemplation, zur ruhigen Unterhaltung und zur schöpferischen Tätigkeit ein.
Die besondere Atmosphäre des Salettl inspirierte zahlreiche außergewöhnliche österreichische und internationale Künstlerpersönlichkeiten wie Christian Ludwig Attersee, Friedensreich Hundertwasser, Ernst Fuchs, Arik Brauer, Gottfried Helnwein, Arnulf Rainer, Hubert Schmalix, Franz Zadrazil, Maja Vukoje, Daniel Spoerri, Sandro Chia, Bill Jacklin und viele andere. Sie interpretierten das Salettl jeweils auf ihre eigene Weise – oft versetzten sie den Pavillon und seinen Garten in eine überirdische Realität, stellten ihn in fantastischen Szenerien mit mythischen Wesen dar oder verlegten ihn in ihrer Darstellung Jahrhunderte zurück.

Aus über 150 Gemälden und Zeichnungen dieser in ihrem Stil völlig unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstler ist eine vielfältige Sammlung entstanden, die laufend erweitert wird. Einen Katalog mit Reproduktionen dieser faszinierenden, einzigartigen Werke kann man im Café durchblättern – während man die Natur genießt, heiße oder kühle Getränke, kleine Häppchen, Desserts oder auch etwas Deftigeres zu sich nimmt – alles hier ist außergewöhnlich köstlich.
Die Künstlerin, die nach der Renovierung und Wiedereröffnung des Salettl im Jahr 1980 als „traditioneller Wiener Kaffee-Pavillon“ („Altwiener Kaffee-Pavillon Salettl“) als Erste ihre Werke ausstellte, wurde gebeten, ein kleines Gemälde zu schaffen, das das Café selbst darstellt. Maria Suritsch erfüllte diesen Wunsch mit dem Bild „Adam und Eva im Salettl“ – und begründete damit eine ganz besondere Sammlung.

Nach dieser Ausstellung entstand im Salettl eine besondere Tradition: die regelmäßige Ausrichtung von Vernissagen. Der Pavillon öffnete seine Türen für zahlreiche Künstlerinnen und Künstler – und die einzige Bedingung oder der „Eintrittspass“ zur Teilnahme war ein Gemälde, das das Salettl selbst darstellte. Zu den Gästen dieser Ausstellungen zählten prominente Persönlichkeiten aus der Kunstszene, Diplomaten, bekannte Redner und Reporter. Die Veranstaltungen wurden von Konzerten und stimmungsvollen Buffets begleitet. Die Künstler fühlten sich wohl in diesem lichtdurchfluteten, von Menschen belebten Pavillon, der offenbar unter dem besonderen Schutz der Musen stand. In den Ausstellungspausen fanden dort oft kleine Theaterstücke und literarische Lesungen statt.
Es liegt etwas süß-betörendes darin, sich an einem warmen Tag in den üppigen Schatten zu setzen, der das Sonnenlicht mildert – an einem Tisch, an dem wohl schon viele kreative Köpfe Platz genommen haben. Man bestellt einen Apfelsaft gespritzt, nimmt einen ersten Schluck dieses erfrischenden Sommergetränks – und beginnt schließlich, im Album zu blättern. Und plötzlich, wie Alice im Wunderland von Lewis Carroll oder ein Held aus einem Fantasyfilm von Tim Burton, findet man sich in einem verwunschenen Land wieder, taucht ein in jene fantastische Welt, die die Künstler geschaffen haben. Man beginnt, die Eigenheiten der einzelnen Stile zu erkennen, staunt über die Vorstellungskraft, entschlüsselt Symbole und Metaphern, die in den Bildern verborgen sind.
Maria Suritsch stellte das Salettl als einen Garten Eden dar – mit Adam und Eva, umgeben von paradiesischen Vögeln, Tieren und leuchtenden Pflanzen. Wahrscheinlich war es nicht nur bei dieser Künstlerin so, sondern auch bei vielen anderen, kunstfernen Besucherinnen und Besuchern des Pavillons, die die kühlen Schatten an heißen Sommertagen genossen, dass sich Assoziationen mit dem Paradies einstellten.
Die Künstlerin Domenika Pipp rückt das Salettl in den Vordergrund – platziert auf einer griechischen Säule, umgeben von Gebäuden in verschiedensten Architekturstilen. Diese Komposition ist vermutlich kein Zufall und kann beim Betrachter durchaus komplexe Assoziationen hervorrufen. Der römische Gelehrte Vitruv, bekannt für sein Werk „Zehn Bücher über Architektur“, leitete die Idee des Tempels vom Urtyp der primitiven Holzhütte ab, die die Griechen übernommen hatten.
Diese Urhütte, so die Ansicht vieler Architekturschriftsteller, die Vitruv folgten, galt als das erste menschliche Wohnhaus – das Haus Adams. Entsprechend wurde die primitive Hütte als Urahnin aller Architektur betrachtet. (Ursprünglich, so darf man annehmen, lebte Adam wohl in einer Höhle – doch als er Eva begegnete, musste er natürlich für die Dame ein komfortableres Zuhause errichten.)

Ob ein solches Urhaus Adams je tatsächlich existiert hat, bleibt unbekannt. Kanonisch wurde jedoch die Darstellung der „primitiven Hütte“ durch den französischen Kunsttheoretiker der Aufklärung, Marc-Antoine Laugier. In seiner berühmten Illustration zeigt er eine einfache, aus Naturmaterialien gebaute Hütte – ein Idealbild architektonischer Reinheit. Laut Laugier ist die primitive Hütte ein unverfälschter Ausdruck der Natur – das Werk eines klaren, von Notwendigkeit geleiteten Geistes.
Später, in der Theorie des Pioniers der architektonischen Moderne und des Funktionalismus, Le Corbusier, erscheint dieser „reine“ Ursprungsgedanke des Bauens als eng verbunden mit den fundamentalen Gesetzen der Schöpfung.
Ein solches erstes Haus, dessen Authentizität von der Archäologie bestätigt werden könnte, existiert nicht. Die Wissenschaft kann nicht einmal sagen, wo es gestanden haben könnte – denn dafür müsste man zunächst den verlorenen Garten Eden finden.
Doch wir können ihn „erinnern“, wenn wir unserer Vorstellungskraft freien Lauf lassen, denn dieser Ort ist im Tresor des kollektiven Gedächtnisses aufbewahrt – bewahrt durch Mythen, Legenden und Bilder.
Kreative Menschen des frühen 20. Jahrhunderts – aus Literatur, Theater, Musik, bildender Kunst und dem noch jungen Film – befanden sich angesichts der rasanten Industrialisierung und Urbanisierung oft in einem Zustand der inneren Unruhe. Sie suchten nach neuen Ausdrucksformen, die sie im Primitiven – und damit aus ihrer Sicht im Wahren – zu finden hofften: in einem ursprünglichen Weltbild, das noch nicht von der Moderne überformt war.
In Russland etwa begann diese Bewegung bereits in den 1870er-Jahren mit der sogenannten „Hinwendung zum Volk“ – dem Narodnismus. Diese Bewegung hatte nicht nur kulturelle, sondern bald auch politische Dimensionen. In Ungarn reisten die Komponisten und Musikethnologen Zoltán Kodály und Béla Bartók durch ländliche Regionen, sammelten Volkslieder, veröffentlichten zahlreiche Sammlungen und ließen die charakteristischen Melodien und Rhythmen in ihre eigenen Werke einfließen.
Viele Künstler begaben sich auf Reisen in den Osten oder nach Afrika – auf der Suche nach dem Wahren, Weisen, dem noch nicht von der heranrückenden Zivilisation verdrängten, dem scheinbar nur im Primitiven Zugänglichen. Auch das Bauhaus – die einflussreiche Schule für Kunst, Architektur und Design – versuchte, die schöpferischen Kräfte der Studierenden durch das unmittelbare Erleben der Materialien, durch das Begreifen natürlicher Formzusammenhänge freizusetzen.
Man denkt an Wassily Kandinsky oder an die Geschichte von Paul Gauguin, dessen Leben und Werk von W. Somerset Maugham literarisch in The Moon and Sixpence verarbeitet wurde.

Mit Interesse blätterst du durch die Seiten des Katalogs und liest die spannenden kunsthistorischen Anmerkungen. Dein Blick verweilt bei einer Aquarellmalerei von Arik Brauer. Das Bild zeigt den Pavillon als Arche Noah, eingebettet in üppiges Grün – eine weitere metaphorische Rückbesinnung auf die Geschichte, eine erneute Assoziation mit dem Garten Eden. Übrigens befindet sich die prächtige Villa dieses Künstlers, einer der Hauptvertreter des fantastischen Realismus – einer der bedeutendsten Strömungen der österreichischen Kunst nach 1945 –, ganz in der Nähe des Cafés und dient heute als Museum.

Der Mitte der 1950er Jahre eingeführte Begriff „fantastischer Realismus“ wurde auch von Federico Fellini aufgegriffen. Der italienische Regisseur prägte für seinen filmischen Stil den Begriff „realismo fantastico“. In dieser künstlerischen Richtung verschmelzen die reale Welt mit Elementen des Fiktiven, Mythischen und Magischen. Gemälde, Skulpturen und literarische Werke in diesem Stil sind unverkennbar – Formen, Figuren und Landschaften erinnern an die Wirklichkeit, sind aber zugleich erfüllt von geheimnisvollen Symbolen, mystischen Motiven und einer besonderen Tiefe. Parallel dazu förderten in den 1940er- und 50er-Jahren die geografische Distanz und kulturelle Eigenständigkeit Südamerikas die Entstehung des magischen Realismus, wie ihn Julio Cortázar prägte.
Der Herausgeber des Katalogs „Das Salettl!Salettl!“, F. R. Falkner, erfand und verwendete den Begriff „Hyporealismus“ (griech. hypo – unten, darunter), um eine „andere Realität“ zu beschreiben. Hyporealismus bedeutet die Darstellung der eigenen Sicht auf eine „andere“ Welt als geheimnisvolle Zwischenebene, auf der unter der vertrauten Oberfläche des Alltags eine Realität verborgen liegt, die dem gewöhnlichen Bewusstsein verborgen bleibt, aber von vielen Vertretern der Bohème wahrgenommen werden kann. Dies wird seit jeher begünstigt durch die theatralische Atmosphäre des barocken und secessionistischen Wien. Man denke nur an Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“, die später als Vorlage für den Film von Stanley Kubrick „Eyes Wide Shut“ diente, oder an die Forschungen Sigmund Freuds zum Traum.

Arik Brauer, indem er das „Salettl“ als Arche Noah darstellt, setzt seine Fantasie um und kleidet sie mit akademisch präziser Technik in einen isolierten Biotop mit unberührter Flora und Fauna. Dabei erinnert er an die Bedeutung des behutsamen Umgangs mit der Umwelt und an das menschliche Streben nach dem Schönen – selbst wenn es nur in der Vorstellung existiert.
Jeden Himmel, so bemerkte Marcel Proust, „muss man unbedingt verlieren“. Doch das Paradies im „Salettl“ in der Hartäckerstraße existiert noch! Es lohnt sich, schnell dorthin zu eilen und es zu genießen, solange es gemäß den Gesetzen des Universums nicht verschwindet.

Du nippst an deinem Apfelsaft mit Soda, Sonnenstrahlen tanzen als kleine Lichtpunkte über dein Gesicht, und deine Gedanken lösen sich in einem Zustand der Glückseligkeit auf. Die großen Fragen des Universums und der Alltagstrubel treten zurück zugunsten lebhafter Träume und kreativer Ideen. Hier atmet alles Schönheit und Ruhe, und die Arbeit… die kann ruhig noch warten. Und um diesen Gedanken zu bestätigen, erinnerst du dich an Charles de Costers „Legende von Ulenspiegel“, wo die Faulheit als eine zerbrechliche Substanz beschrieben wird, die sich in die Träume von Poeten und Weisen verwandeln kann. Das Salettl, sei es in der Wirklichkeit oder in der Fantasie, ist ein zugleich realer und unwirklicher Ort. Es erinnert daran, dass selbst in der stürmischsten Zeit der Mensch in seinem Inneren eine Oase der Träume, der Schönheit, der Hoffnung und des Glaubens an Wunder bewahren kann.